Geschichte

Die Ursprünge der Wanderschaft liegen im Dunkeln der Menschheitsgeschichte... Nur wenig wissen wir von der Entstehung der Zünfte des alten Ägyptens vor über 3000 Jahren oder die reisenden Handwerker, die im römischen Reich die einzigen neben den Legionären waren, die die Grenzen problemlos überqueren konnten.

Im 12. Jahrhundert entstanden die ersten Zünfte in den Städten des Mittelalters. Nach und nach gewannen sie immer mehr an Macht und bald wurden sie zu einem festen Bestandteil der europäischen Gesellschaftsordnung und ihrer feudalen Systeme. Um mehr Erfahrungen in ihrem Handwerk zu sammeln schickten die Zünfte junge Handwerksgesellen (Männer und Frauen) auf die Wanderschaft, die sie schon damals weit über die Grenzen ihres jeweiligen Heimatlandes hinaus führte.

Ohne die reisenden Gesellen wäre die kulturelle und architektonische Entwicklung Europas nicht denkbar gewesen. Wie auch hätten sich in Zeiten ohne Internet und ohne Flugzeuge Baustile (Romanik, Gothik, ...) über einen ganzen Kontinent verbreiten können, wenn nicht die Menschen, die für den Bau zuständig sind, das Wissen in die Ferne tragen oder aus der Fremde mitbringen? Wie könnte sich Mode, Ornamentik oder Technik ausbreiten, wenn nicht durch Menschen die reisen um zu lernen und umherziehen um zu lehren?

Im 15. Jahrhundert wurde die Wanderschaft zur Pflicht eines jeden Gesellen. Je nach Zunft betrug die Zeit, die ein Geselle der Heimat fernzubleiben hatte, zwischen 3 und 12 Jahre. Kam ein reisender Geselle in eine fremde Stadt, so meldete er sich bei dem Obersten seiner Zunft, der ihn an einen otsansässigen Betrieb vermittelte. Eine Zunft war eine regionale Institution, konnte aber auch für mehrere Gewerke zuständig sein. Jedoch waren alle Zünfte Europas ähnlich organisiert, was die interkulturelle Verständigung erleichterte. Neben den Zünften gab es auch Meistervereinigungen und Gesellenvereinigungen, die sich um die Belange ihrer Mitglieder kümmerten und so z.B. Aufgaben wahrnahmen, die heute Krankenkassen, Unfallversicherungen oder Gewerkschaften obliegen. Doch die Zünfte und die Wandergesellen waren vielen absoluten Herrschern und Regimen quer durch die Geschichte ein Dorn im Auge. Ihre Unkontrollierbarkeit barg Gefahr, dass sie innerhalb kürzester Zeit sehr viele Menschen an einem Ort bündeln konnten. Insbesondere zu Zeiten Napoleons und des dritten Reiches erfuhren die reisenden Handwerker Repressalien.

In den verschiedenen Ländern Europas wurde die Wanderpflicht zu unterschiedlichen Zeiten abgeschafft und begrub damit auch meistens die Tradition des reisenden Handwerks. So wurde z.B. die Wanderschaft in Italien mit dem Einzug Napoleons verboten, in Großbritannien vergingen die Tage der reisenden Gesellen im Zuge der Industrialisierung, in Rumänien existierten Zünfte noch bis 1940 und starben erst beim Einmarsch der Nazis und des nachfolgenden sozialistischen Systems aus.
In Deutschland und Frankreich verschwand zwar auch die Reisepflicht, jedoch wurde die Tradition des reisenden Handwerks in abgeänderter Form beibehalten...

Deutschland

Zu Zeiten Bismarcks, um 1870, hatten die Zünfte Deutschlands ein Ende gefunden. Doch die Gesellen, die sich nicht damit abfinden wollten, dass die Wanderschaft ebenso zugrunde gehen sollte, führten die uralte Tradition ihrer Vorväter weiter...

Doch waren es vorher noch Zehntausende auf den Straßen unseres Kontinents, so schrumpfte die Zahl durch den Wegfall der Pflicht zu Reisen schlagartig um ein Vielfaches. In jener Zeit entstand die heute noch übliche Kluft der Gesellen aus der Notwendigkeit heraus, dass man sich erkenntlich zeigen musste. Man übernahm Grundregeln, die jeder reisende Geselle zu beachten hatte: Ledig, ungebunden und schuldenfrei sollte der Handwerksgeselle losgehen, um mindenstens 3 Jahre und einen Tag zünftig die Welt zu bereisen und sich nicht näher als 50km seinem Heimatort zu nähern.

Die ersten Gesellenvereinigungen der Neuzeit entstanden, später als "Schächte" bekannt, Bruderschaften, die die Tradition des reisenden Handwerks auch über die Reisezeit hinaus vertreten. Heute gibt es 7 deutschsprachige Schächte und die Möglichkeit, frei zu reisen.

 

Frankreich

Ab 1850 gab es auch in der Compagnonnage Frankreichs einen starken Rückgang. Bis sie im Jahre 1889 eine gründliche Neuorganisation mit der Gründung der "Union Compagnonnique des Devoirs Unis" erlebte.

Mit dem Bau eigener Häuser schaffte man die Möglichkeit, als Bruderschaft auch die handwerkliche Ausbildung und soziale Erziehung junger Menschen in die Hand zu nehmen. So werden die Anwärter gleichzeitig in ihrem Handwerk aus- und weitergebildet und schrittweise immer mehr in die engen Kreise der Handwerksvereinigung eingeführt. Der Union folgte 1941 die "Association Ouvrière des Compagnons du Devoirs" und die "Fédération Compagnonnique des Métiers du Bâtiment" im Jahre 1953.Heute befinden sich in der Union männliche Handwerker aller Gewerke, in der Association Frauen und Männer mit populären, zahlenstarken Berufen und in der Fédération Männer des Baugewerbes.

Üblicherweise wird nach der zufriedenstellenden Fertigstellung seines Gesellenstückes der "Jeune" (Auszubildende) zum "Jeune Homme", "Aspirant", oder "Affilier" und beginnt mit seiner "Tour de France", arbeitet also in verschiedenen Städten für eine bestimmte Zeit, um dann nach dem Bau seines Meisterstückes "Compagnon " zu werden.